Das Wasser scheint lebendig zu werden. Wie Myriaden kleiner Krebse auf unzähligen Beinchen strebt es in alle Richtungen davon. Flüchtet.
Das Boot, das zuvor noch als sicherer Platz und feste Hoffnung erschien, wird erschüttert als sein Kiel sich in den schlammigen Grund bohrt und es kommt mit einem Ruck zum Stillstand. Langsam kippt es zur Seite.
Kleine, braune Inseln tauchen an der Oberfläche auf und wachsen umsichgreifend bis sie sich berühren und miteinander zu einer einzigen öden Fläche verschmelzen.
Das Ziel am Horizont verschwimmt mit dem Watt.
Die Orientierung hat sich klammheimlich davon geschlichen, während der Zweifel und die Angst schmatzend und blubbernd aus der glitschigen Substanz kriecht, die das Boot umgibt.
Irgendwann morgens:
Das heiße Wasser der Dusche prasselt auf meinen Kopf und scheint wie flüssiges Blei meine Haut vom Körper zu ziehen. Ich halte die Luft an um nicht vor Schmerz oder Lust? zu schreien.
Irgendwann beim Essen:
Schon kurz nach dem ersten Bissen des schmackhaften Papayasalates merke ich, wie in mir die Hitze aufsteigt. Schweiß tritt mir auf die Stirn und Tränen in Augen.
Mein Atem ist leicht entzündlich und ich genieße vorsichtig atmend die nächste Gabel dieses Geschmacksfeuerwerks.
Irgendwann im Winter:
Die Kälte beißt in meine unbedeckte Haut als ich das Zelt verlasse. Mein Fuß durchbricht die gefrorene Decke einer Pfütze und helles Klirren durchdringt die eisige Luft. Mein Atem scheint schon wenige Zentimeter vor meinem Gesicht knisternd in den festen Aggregatzustand über zu gehen. Ein Schauer durchläuft meinen Körper als sich die Haare an ihre prähistorische Aufgabe erinnern, mich vor Kälte zu schützen. Kurz darauf scheint dies auch den Muskeln klar zu werden und sie schütteln mich. Ich gebe mich hin.
Nicht Irgendwann - JETZT:
Ein Klammer liegt um meine Brust, ein Ziehen durchlauft meinen Bauch, meine Gedanken verwirren sich, Tränen schleichen sich in meine Augen und ich sehe mich plötzlich im Garten ihres Hauses. Sie mit einem Buch in der Hand auf einem Stuhl, ich liege auf der verwitterten Holzbank, den alten Hund zu meinen Füßen. Die Stimmen der Kinder dringen aus den Fenstern. Sehnsucht.
Aber diese Fassung ist nun doch zu kurz und wird dem Abend nicht gerecht.
Wir kamen zu dritt in Canelas Auto in Luzern an.
Im Parkhaus ließ sich sich ein Deutscher von drei Mitfahrern gefühlte 10 Minuten in eine Parklücke einweisen, obwohl noch ganze Decks frei waren. Furchtbar die Deutschen!
Doch das war an diesem Abend der einzige Deutsche, der unangenehm auffiel.
(Ich habe mich beherrscht)
Ein Mango Lassi in einem schrecklich kitschigen indischen Restaurant, das dann doch nicht so schrecklich war.
Dafür war das Essen so gut, wie von Lila versprochen.
Dort stießen zu meiner Überraschung auch Frogg, Herr T. und Acqua zu uns.
Danach ein Gin auf der Dachterasse des Seebads.
Nein, die Geschichte mit den Schwänen überlasse ich den anderen …
Und schließlich ein Campari und ein Caol Ila in der Louis Bar. Übrigens die erste Bar, die ich mit einem schrägen Lift betreten habe (Nein, das lag nicht am Gin!)
Verliebtes Pärchen an der Bar, fröhliches Musikraten, verdammt kurzer schwarz-blonder Mini rauscht im Tanz zwischen den Gästen hindurch …
Als der Thrill gegangen war, strichen auch wir die Segel.
Ich steige in den Zug und es fühlt sich ganz normal an.
Wie auch sonst.
Schliesslich fahre ich jedes Jahr tausende von Kilometern mit der Bahn.
Aber trotzdem ist es heute etwas anderes.
Es ist keine Fahrt zu meinem Sohn.
Es ist keine Dienstreise.
Ich fahre zu IHR.
Es ist keine Welle der Erkenntnis, denn ich weiss es seit Wochen.
Trotzdem sickert während der Fahrt etwas in mein Fühlen und Denken.
Tropfen fallen auf meinen Geist und versickern zunächst als ob sie nie da gewesen wären.
Doch mit der Zeit durchdringen sie mich, füllen mich aus.
Es ist jetzt nicht länger ein Wissen zu IHR zu fahren, sondern ein Sein.
Jetzt bin ich nicht mehr nur ein Mann, der Zug fährt, liest oder aus dem Fenster sieht.
Ich bin Reisender.
Nicht nur ein Reisender zwischen den Orten. auch zwischen den Zeiten und den Realitäten.
Ich komme nicht in einem anderen Land an, sondern in einer anderen Welt.
Keine neue Welt die durch die Menschen und deren Sitten, durch das Klima oder die Landschaft geprägt ist.
Sie wird durch meine Empfindungen für SIE bestimmt.
Durch die Empathie zwischen uns.
Durch die vielen Farben und Formen, die ich in Ihrer Nähe sehe und fühle
und die immer wieder neu entstehen.
Ich kenne diese Frau nicht.
Ich kann sie nicht kennen!
Sie ist mein Rätsel.
Und ich bin nicht nur heute auf dem Weg zu ihr.
Menschen, die mir wichtig sind, sagen mir ich sei wertvoll.
Sie sind mir wichtig, weil sie authentisch und ehrlich sind.
Ich schätze ihre Meinung und nehme sie ernst.
Nur in einem Punkt fällt es mir schwer, ihre Aussagen anzunehmen.
Wenn Sie mir sagen, ich sei
etwas besonderes (ist ja jeder irgendwie)
wertvoll (na ja …)
gutaussehend (das ist relativ)
ein toller Mann (puh, jetzt wird es echt peinlich)
sensibel (stimmt, das spüre ich gerade, aber …)
fange ich an zu zweifeln.
Andererseits kenne ich es auch, dass Menschen sich abwerten, obwohl m. E. absolut kein Grund dazu besteht.
Alle Überzeugungsversuche meinerseits, sie seien zu streng mit sich, verpuffen annähernd wirkungslos.
An dieser Stelle beginne ich nachzudenken.
Kann ich nicht wenigstens denen, die mich in einem Punkt kritisieren, glauben, dass sie mir mit einem Kompliment an anderer Stelle keinen Honig ums Maul schmieren möchten?
Kann ich nicht wenigstens in Erwägung ziehen, dass auch andere sich ein realistisches - wenn auch subjektives - Bild von mir machen können?
Kann ich nicht wenigstens versuchen, mir mit ähnlich viel Offenheit und Wohlwollen zu begegnen, wie vielen anderen Menschen?
Ich versuche also wieder, mich mit mir anzufreunden.
Ich möchte, dass meine Freundschaft zu anderen, keine Abwertung meiner Selbst ist, sondern die Wertschätzung des anderen.
Ich bemühe mich, positive Rückmeldungen anzunehmen, dreimal tief durchzuatmen, ohne diese zu hinterfragen, dreimal tief durchzuatmen, während ich lerne das Gehörte ernst zu nehmen, dreimal tief durchzuatmen und die Komplimente zu genießen, so wie ich wünsche, dass mein Gegenüber meine ehrlichen Komplimente ernst nimmt und genießt.
Das wenigste, das ich daraus ziehen kann, ist frischer Sauerstoff fürs Gehirn
So verkehrt bin ich eigentlich garnicht.
Klar, ein paar Macken aber doch echt nett.
Eigentlich ein helles Köpfchen.
Vielleicht gehe ich mal, mit mir einen trinken …
/* edit */
ach ja, und wenn SIE mich liebt, muss etwas dran sein.
Ich bin ein toller Mann (zumindest fühle ich mich schon so )
Schwarze Spinnfäden schweben vor dem Auge. Ungeduldig wische ich sie beiseite. Sie fesseln meine Hände, wickeln sich um meinen Kopf, verdunkeln die Sonne und nehmen mir den Atem.
Angst steigt in mir auf.
Angst und Entschlossenheit.
Nein!
Nicht mit mir!
Nicht ohne Gegenwehr!
Heftig streife ich die Schatten ab.
Tief durchatmen.
Morgens, halb sieben in Deutschland:
Der Schweiß der Nacht ist abgeduscht aber ich fühle noch immer Ihre Hände auf meiner Haut, Ihren Atem in meinem Nacken und Ihre Seele berührt die meine …
… dabei haben wir uns seit Tagen nicht gesehen!