Der stechende Schmerz raubte ihm für einen Augenblick den Atem.
Dies war zwar nur eine Redewendung, denn er atmete seit undenklicher Zeit nicht mehr, aber es beschrieb das Gefühl recht gut, das er früher in einer solchen Situation gehabt hätte. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf dieses eine Schmerz-Ereignis gerichtet.
Da ihn dieses heiße Reißen, dass durch seinen Körper schoss aus einem tiefen Schlaf gerissen hatte, benötigte er einen langen Augenblick, um sich zu orientieren. Ein trockenes Lachen entwand sich seiner kratzigen Kehle, denn er hatte seit Jahren nichts mehr anderes gesehen, als die weißen Fließen seiner Zelle, in der sein Liquomodul stand, wo also sollte er schon sein.
Das stimmte nicht ganz, denn natürlich war die meiste Zeit seiner Wachstunden sein Visor aktiv, der ihn mit dem Netz verband. Als einer der ersten, die vor Jahrzehnten an das damals revolutionäre neuronale System angeschlossen wurde, war es ihm noch möglich, selbst zu entscheiden, wann er “online” war. Doch was durch den Visor in seine Augen projeziert wurde, nannte er nicht “sehen”, weil es für ihn nicht real war. Auch wenn seine “Realität” nur noch aus dem Teil seiner kahlen Zelle bestand, den er ohne Drehen seines Kopfes sehen konnte, weigerte er sich hartnäckig, dauerhaft in die Scheinrealität des Netzes einzutauchen. Er vermutete schon lange, dass dies wohl der Grund dafür war, dass man seinen Implantaten und deren Software kein Update angedeihen ließ.
Es war ihm nicht mehr möglich, sein Modul zu verlassen, denn seine Muskeln hätten seinen Korper nicht getragen, obwohl er sicher nur noch einen Bruchteil seiner ursprünglichen Masse besaß. Zudem war er sich nicht einmal sicher, ob er noch selbständig atmen könnte, geschweige denn essen.
Die ersten Monate im Liquomodul hatten ihn an den Rand einer Depression gebracht, schon allein deshalb, weil er nicht mehr essen durfte. Er und seine “Kollegen”, von denen er niemanden kannte, wurden künstlich ernährt und inzwischen wurde ihm übel, wenn er nur daran dachte, “Lebensmittel” zu sich nehmen zu müssen.
Er schüttelte den Kopf, um seine Gedanken wieder zu sammeln und die umgebende Flüssigkeit gluckerte leise.
Die routinierte Kontrolle seiner Vitalfunktionen ließ ihn die Unregelmäßigkeit schnell finden.
Die Dosierung des Medikamentencocktails, der ihm intravenös zugeführt wurde war beunruhigend hoch. Dies lag vermutlich wieder an einer diesen altmodischen Elektroden, die sich in unregelmäßigen Abständen mit Eiter oder anderen unappetitlichen Dingen belegten und dann falsche Werte lieferten.
Ein Zusatzsystem, das nachinstalliert worden war, um an den Symptomen der Fehlfunktion eines anderen Systems “herum zu doktern”, lieferte schon seit Stunden ein Alarmsignal an die “Zentrale”, an deren Existenz er jedoch nicht mehr glaubte, da er von dort schon lange keine Reaktion mehr erhalten hatte.
Wie schon so oft behalf er sich damit, die Elektrode neu zu “kalibrieren”. Nicht dass sie nun wieder richtige Werte geliefert hätte, aber sie regelte die Medikamentenkonzentration wieder auf einen Wert, der ihm “normal” erschien. Falls sie wieder beginnen sollte – nein, sobald sie wieder begann falsche Werte zu liefern, würde er sie deaktivieren und den Zufluss auf einen konstanten Wert einstellen.
So war er auch vor wenigen Wochen verfahren, als eine andere Messsonde ihren Geist aufgegeben hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht die geringste Ahnung gehabt, wozu diese Sonde diente, inzwischen hatte sich jedoch der Verdacht erhärtet, dass sie die Schlaf-Wach-Phasen geregelt hatte. Zunächst konnte er nämlich nicht mehr einschlafen, was ihn schier verrückt machte. Ein Hochdrehen der Dosierung, der von ihr gesteuerten Flüssigkeit beschehrte ihm einen mehrtägigen Schlaf, was er allerdings nur am Datum seines Visordisplays festgestellt hatte.
Mit dem Nachlassen des Schmerzes meldete sich erneut eine wohlige Müdigkeit, die ihm versprach wieder für eine Weile aus seinem Gefängnis fliehen zu können. Fast wäre er schon eingeschlafen, als ein Gedanke durch sein “Restbewusstsein” schoss. Welches war der Regler gewesen, den er beim letzten Mal hoch gedreht hatte?
Als er ihn fand, stellte er ihn auf “Max” und ließ sich in den Schlaf fallen.
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Aus der Eieruhr sind bereits zwei Liter ausgelaufen, über den Rand der Arbeitplatte und an der Tür des Küchenschrankes herabgeronnen und haben meine Socken durchnässt. Ein gutes 3-Liter-Ei muss einen butterweichen Dotter haben.


