Nicht wie sein Vater


Er wollte niemals werden wie sein Vater.

Jahrzehnte später war er noch immer kein kettenrauchender Alkoholiker, hatte seine Frau und seinen Sohn nicht verprügelt und hatte sich nicht mit Gott und der Welt vor deutschen Gerichten gezankt.

Hatte er’s geschafft?

Gut, er war jetzt auch geschieden, wie sein Vater, aber die Scheidung ging schnell und fair über die Bühne, schon wegen des Sohnes, und er konnte ruhig und sachlich mit seiner Ex-Frau sprechen.

Wenn er tief in sich nach einer ehrlichen Antwort suchte, war sein Erfolg noch lange nicht in trockenen Tüchern. Nein, zum Alkoholiker, Schläger und Streithammel würde er wohl nicht mehr werden, aber es fiel ihm immer noch schwer, stolz auf seinen Sohn zu sein.
Erst heute morgen war ihm aufgefallen, dass sein erstes Wort an seinen Sohn eine Kritik war. Nicht laut, nicht böse, aber eine Kritik. Warum kam ein Lob nicht ebenso selbstverständlich über seine Lippen?

Hatte er es in seinen Beziehungen ebenso gemacht?

Seine Ex war ihm immer wieder auf den Geist gegangen mit: „Nie lobst Du mein Essen!“
Warum sollte er? Wegen Maggi Fix oder Knorr Spaghetteria?
Wenn sie zu Besuch bei ihren Eltern waren lobte sein Schwiegervater das Éssen seiner Frau im Übermaß – schon bevor er den ersten Bissen im Mund hatte. Was war so ein Lob wert?
Aber leider musste er zugeben, dass schon ein Quentchen Wahrheit dabei war – und dieses Quentchen schmerzte ihn.
Aber sich beim nächsten Mal zu einem Lob zwingen, nur damit es gesagt ist – selbst wenn es ehrlich gemeint war?

„Nie schenkst Du mir Blumen!“
‚Nie‘ stimmte nicht, aber im Prinzip hatte sie Recht. Er hatte sich vorgenommen etwas daran zu ändern, schließlich liebte er sie noch, aber oft dachte er zu falschen Zeiten daran. Wo bekommt man am Mittwoch abend um 19 Uhr Blumen? Oder am Sonntag nachmittag?
Als er es dann geschafft hatte, ihr über zwei oder drei Monate jede Woche einen Strauß mitzubringen, warf sie ihm in einem Streit vor, das habe er wieder einmal ja nur gemacht, weil sie es ihm gesagt habe. Gut keine Blumen mehr.

Warum war es so schwer, sich aus dem Fahrwasser des Vaters zu lösen?
Würde er es jemals wirklich schaffen?

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3 Antworten zu “Nicht wie sein Vater

  1. ich habe mal eine paar-therapie gemacht. sie war nicht erfolgreich. das war gut so. aber ich habe etwas entscheidendes gelernt.

    wir mussten drei wochen lang alle nettigkeiten des anderen, alle aufmerksamkeiten des anderen aufschreiben. und siehe da, der ganze blick veränderte sich. wir sahen plötzlich beide, wieviel wir für den anderen taten. ein schönes gefühl, wenn man die sichtweise schärft für die schönen dinge.

  2. nedganzbachert

    @Canela: Ich werde mir den Tip für’s nächste Mal merken 🙂
    Ich habe mich mit meinem Vater ein paar Jahre vor seinem Tod wieder versöhnt und konnte sehr viele positive Änderungen feststellen.
    Er wohnte die letzten Jahre seines Lebens in Spanien und ich fuhr mit meiner Familie regelmäßig im Urlaub zu ihm. So haben wir ein herzliches Verhältnis zueinander aufgebaut, aber die alten Geschichten kann man nicht wegdiskutieren.
    Danke für Deine Meinung! 🙂
    Ich lese Dich gerne.
    hasta luego

  3. Ich glaube „er“ hat es schon geschafft, denn er ist sich seines Verhaltens immerhin bewusst.

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