Sonntagmorgen


Sonntagmorgen.
Der Wecker zeigt 4 Uhr und bemüht sich mit verzweifeltem Gepiepe mich davon zu überzeugen, dass es nun höchste Zeit sei, endlich aufzustehen.
Nach zwei, durch je einen Klaps gewonnenen Galgenfristen von 7 min, gebe ich nach und der Matratze die Möglichkeit, tief durchzuatmen und die noch frische Morgenluft einzusaugen.
Ich nehme mir viel Zeit, ein letztes Mal Emails und meine Kontoauszüge abzurufen sowie meine letzte Flasche Wasser zu leeren.
Dann die übliche Morgentoilette mit einem sehr flüchtigen Blick in den Spiegel (ein Mann muss nicht schön sein).
Die Dusche weckt mich endgültig.
Den letzten Müll rausbringen.
Kühlschrank ausräumen und ausschalten.
Sicherungen ausschalten.
Wasser abdrehen.

Nach sieben Jahren werde ich in dieser Wohnung vielleicht noch zwei oder dreimal übernachten, aber nicht mehr wohnen.
Mit meinem Rucksack, der gerade soviel enthält, wie man für den ersten Tag in einem neuen Leben benötigt, gehe ich zum Bahnhof.
Um 6 fährt der Zug dort ein, der mich nach Ulm bringen soll.
Dreißig Minuten später bin ich am Bahnhof der Stadt mit dem höchsten Kirchturm der Welt, dessen 768 Stufen ich schon das eine oder andere Mal erklommen habe.
Ich trinke einen großen Becher Kaffee und warte auf meinen Anschluss.
Kurz nach 7 schaukelt ein Bummelzug Richtung Stuttgart.
Die Stöpsel meines iPODs im Ohr.
Da die Bahn an jeder Milchkanne hält, habe ich jede Menge Zeit, mich in mein neues Hörbuch zu vertiefen. Ich habe schon lange nicht mehr so gelacht und das scheint auch den anderen Fahrgästen aufzufallen, doch das tangiert mich nur peripher.
Die Geschichte handelt von einem Mädchen, das in entwaffnender Offenheit, mit deutlicher Sprache und erfrischenden Humor über ihr Leben, ihren Körper und ihre Hämorriden-Operation spricht.
Von Ihr weiß ich nun, dass für ihre Mutter der wichtigste Grund für saubere Unterwäsche darin besteht, dass schließlich „immer etwas passieren“ kann.
Man stelle sich vor, frau wird von einem LKW angefahren und der Sanitäter findet bei der Erstversorgung Flecken in der Unterwäsche.
Nicht auszudenken!

Wer einmal hineinhören möchte, nicht verklemmt und kein Hygiene-Fanatiker ist, findet eine Hörprobe hier bei audible.de.

In Korntal hätte ich 30 Minuten Aufenthalt, wenn …

Ja, wenn dort nicht abfahrtsbereit ein Sonderzug – der „feurige Elias“ – stünde, dessen Dampflok ungeduldig kleine Rauchfähnchen entweichen lässt.
Mein neuer Wohnort liegt auf der Strecke und so muss ich keinen Moment überlegen, welchen Zug ich nehmen möchte.
Wenige Minuten später geht ein Ruck durch den Zug und er setzt sich in Bewegung. Ich stehe auf einer der offenen Plattformen zwischen den Waggons und lasse mir die milde Brise um die von der Sonne gekräuselte Nase wehen.
Bei sonnigem Wetter werde ich oft von Frauen angelächelt. Heute scheinen diese noch schöner zu sein.

Kinder lachen.
Die Lok heult.
Die Bügelflasche aus dem Bordrestaurant ploppt in meiner Hand. Ein kleiner Junge erschrickt etwas und seine Mutter lacht.
In meinem Wohnort angekommen, sehe ich mir die Lok noch mal an. Eine Güterzugdampflok 50 3636 mit 1700 PS.
Der Lokführer, der stilgerecht eine schwarz verschmierte Nase hat, drückt sich ein Handy ans Ohr und sorgt sich in keiner Weise um die Bordelektronik.
Glut fällt unter dem Kessel auf ein Gitter, Wasser tropft aus Ventilen und dann zischt Dampf aus Kolben, als sich die Lok stampfend und schnaufend ins Zeug legt, um mir jungem Spund zu zeigen, dass sie noch nicht zum alten Eisen gehört.
Der Boden vibriert.
Die letzten Wagen sehe ich nur noch verschwommen durch den Schleier meiner Tränen.
Das Leben kann so schön sein!
„Über den Wolken …“ Pah! Sollen doch die anderen fliegen …
Es ist Sonntag morgen.
Die Bahnhofsuhr zeigt 9:30 Uhr.

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4 Antworten zu “Sonntagmorgen

  1. Pures Leben.
    Wenn es ungefiltert eindringen kann, wenn die Kanäle der Sinne offen sind für alles.Alles mögliche eben.
    Lebens_lust !

    Das sind so Momente, in denen das Universum spürbar ist. Und die Verbundenheit mit allem.

    🙂

  2. Dieser Tag ging so ähnlich weiter 🙂
    Oder sagen wir so:
    Alles was an diesem Tag noch geschah, wirkte im Licht dieser Ereignisse eben so golden 🙂
    Es wirkt heute noch nach!

  3. ich fühle geradezu den fahrtwind auf der platform. wenn draussen kein schneematsch zu sehen wäre, hätte ich noch mehr lust, jetzt sofort einzusteigen. Donnerstag hin oder her.

  4. Am 6. Dezember fährt Elias wieder 🙂
    Nikolausfahrt. Wenn Schnee liegt, ist das sicher auch schon, denn die Landschaft im Strohgäu ist sehenswert. Deine Abneigung für Schneematsch teile ich allerdings auch.

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