Wie Mann … kommuniziert


Er war vor gut 30 Jahren in meiner Parallelklasse. Cooler Typ, immer von Mädchen umgeben. Mädchen, die mich damals nicht interessierten. Zumindest habe ich mir das immer selbst so plausibel machen können, dass ich heute nicht das Gegenteil behaupten kann.
Er gehörte nicht zu denen, die mich ärgerten, er ignorierte mich nur.

Als er mich herein kommen sieht, ruft er. „Hallo ngb! Was machst Du hier?“ Seine Umarmung riecht nach „Cool Water“ und Whisky.
Ich überlege angestrengt, wie er heißt, kann meine Ratlosigkeit jedoch überspielen. Sein Anzug wirkt teuer, so weit ich das beurteilen kann, ist aber mitgenommen. Kravatte auf Halbmast, Hemd halb offen und etwas verschwitzt. „Schön, Dich mal wieder zu sehen! Hab‘ letztens Deinen Bruder gefragt, wo Du eigentlich steckst.“ sagt er mit signifikanten Artikulationsproblemen. Trotzdem wirkt er nicht abstoßend. Sehe ich echte Freude in seinen Augen?

„Du siehst nicht gut aus.“ bemerke ich und er beginnt zu lachen. „Hast Du heute mal in den Spiegel gesehen?“ fragt er und winkt dem Typen hinter des Theke, der – glaube ich – auch aus meinem Jahrgang stammt, aber ziemlich verlebt aussieht. Von seiner „Rockermähne“ ist noch ein halber Kranz verblieben, der ihm strähnig am Kopf klebt. „Hey Peter, schau mal wer da ist! Zwei GlenMorangie! Aber nicht so sparsam eingeschenkt, wie der letzte!“

Thomas, richtig, Thomas heißt er.

„Na Thomas, Du hast Deine Jeansjacke gegen ein Jacket getauscht?“

„Tja, kann ja schlecht mit T-Shirt in der Bank auftauchen …“ lacht er bitter,
„Aber Du läufst immer noch im Winter mit kurzen Hemden rum …“

Kein Thema über das ich jetzt diskutieren will, weshalb ich es ignoriere.

Als unsere Whiskys kommen verstummt er. Er blickt in sein Glas, als ob es mit ihm reden würde. Plötzlich sieht er auf. „Kennst Du Christine noch?“ Ich überlege. „Wenn ich ehrlich bin, kann ich mich an die wenigsten aus der Schule erinnern.“

„Kann ich verstehen. War nicht immer einfach für Dich.“

Als er wieder schweigt, hake ich nach: „War sie bei Dir in der Klasse?“

„Nein, bei Dir. Ist eine Zeit mit Günther gegangen.“

„Der große hagere?“

Thomas lacht trocken: „Ja, the Giant! … Ich bin mit ihr verheiratet. … noch …“
Er legt mir seinen Arm um die Schulter und hält mir sein Glas hin.

Als wir angestoßen haben, stößt er mir freundschaftlich in die Rippen und sagt: „Du verstehst mich …“

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3 Antworten zu “Wie Mann … kommuniziert

  1. ….komisch. was ähnliches habe ich gestern auch erlebt: er hiess nicht thomas. aber er fühlt sich genau so an wie ein thomas. zumindest der thomas deines postings.

  2. @lila: Erinnert Dich auch ein dicker Kopf an dieses Erlebnis?

  3. nein, gar nicht. eher das dumpfe gefühl, dass ich immer wieder mit persönlichen biografien konfrontiert werde. die mich nachdenklich machen: sie heiraten . (für immer, denken sie. ) haben kinder und ziehen abends hausschuhe an ihre füsse und und einen wasserfesten regenmantel über ihre gefühle.
    so etwa.

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