Resonanz


Als Kind hatte ich eine Spieluhr. Sie befand sich in einem Narrenkopf, der drehbar an einem Stab befestigt war. Wenn man den Stab schwenkte, begann der Narrenkopf zu rotieren und ein Lied erklang.
Ich hatte ihn als Geschenk erhalten, als ich nach meiner Augenoperation mit 4 Jahren aus der Klinik entlassen wurde.
Lange Zeit war es interssant genug, den Kopf im Kreis zu schleudern, um die Spieluhr zum Klingen zu bringen. Später brach sich mein Forschergeist bahn und ich sezierte den Kopf.
Wie groß war die Enttäuschung, dass ich nun die Spieluhr mit ihrer Metallwalze und den Metallzungen in Händen hielt, aber die Melodie plötzlich so leise und dünn klang. Ich verstand wohl, dass diese kleinen, unscheinbaren, schwingenden Stahlstreifen keinen lauten Ton erzeugen konnten, aber wieso hatten sie es vorher getan?

Das lies mich nicht los, bis ich irgendwann feststellte, dass die Melodie lauter wurde, wenn ich die Spieluhr an einen Gegenstand presste. An eine Tür, an eine große Fensterscheibe, an eine Truhe …
Je nach Art des Gegenstands änderte sich der Klang der Spieluhr, aber er war immer lauter, als ohne einen Körper der mitschwingen konnte.
Ich freute mich sehr, als mir ein Lehrer Jahre später einen Namen für meine Entdeckung nannte – Resonanz.

Heute habe ich eine Geschichte in einem Blog gelesen, die mich wortlos zurück lies.
Leise Worte. Kein Paukenschlag. Keine Posaunen.
Trotzdem hat mein Körper begonnen zu schwingen. Eine Melodie aus Trauer, Freude, Wehmut und Glück ertönte, die meine Ohren nicht hörten, obwohl der Klang ganze Hallen zu füllen schien und mich vibrieren lies.
Eine Melodie, die durch mich hindurch wandert und Gefühle und Erinnerungen weckt, die lange unbewegt in irgendwelchen versteckten Winkeln ruhten.

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8 Antworten zu “Resonanz

  1. Ich glaube nicht, dass man Melodien so einfach vergessen kann, genauso wenig wie Erinnerungen.
    Irgendwas bleibt in einem zurück auch wenn man es irgendwo in sich selbst vergräbt.
    Und dann liest man irgendwo ein paar Worte, sieht irgendwann ein Bild, berührt, schmeckt oder riecht etwas und schon beginnt sich etwas in uns zu bewegen. Die Erinnerung bleibt immer.
    Und das Gute daran ist zumindest nach meiner Erfahrung, dass man sich am ehesten an das Schöne erinnert.
    Und manche Melodien, Herr Nedganzbachert, gewinnen in der Gegenwart schließlich eine ganz neue Resonanz.

  2. abstellkammer

    Jetzt trefft Euch halt endlich 🙂

  3. … und die alte, fast vergessene Melodie erhält einen völlig neuen, klaren Klang.
    Bald fällt mir auch der Text wieder ein – irgenwann im Traum

  4. Manchmal kommt auch ein neuer Text in den Sinn, passend zu dem neuen Klang.

  5. Huhu Abstellkammer. Ja, das finde ich auch. Ich habe eben am Timmendorfer Strand für die Beiden ein Zimmer bestellt.
    :-))

  6. abstellkammer

    🙂

    Und wo fahren wir dann hin, wenn das schöne Hotel belegt ist?

  7. Ach, ich glaube, das ist kein Problem. Dann kehren sie um und kommen mich besuchen.
    Herzlich willkommen sind sie allemal.
    🙂

  8. O. Sorry. Jetzt habe ich doch glatt das „wir“ überlesen. Das ist ein Versehen. Mensch. So ein Mist. Immer diese blöden Freudscher. Das ist blöd. Weil eigentlich wollen die beiden TurtelVögelchen ja alleine sein.
    Das sollten wir respektieren.
    Also ich kann das ganz gut.
    Und so würde ich ihnen meine Behausung überlassen und in den Wald ziehen.
    🙂

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