Fesseln


Die Strickjacke kratzte ihn und er zod sie kurzerhand aus. Er hatte sie sich ohnehin nur übergezogen, um bei den Mitbewohnern nicht auf seine leichte Bekleidung angesprochen zu werden.
Er genoss die frostig, trockene Luft und er rollte zügig mit seinem Rollstuhl den Schotterweg entlang.
Ein bisschen ärgerte er sich darüber, dass er seine Kamera zuhause gelassen zu haben. Die kalten Nächte der letzten Woche hatten im Kampf mit der Sonne skurile Schneekristalle an den Zweigen der Wacholderbüsche am Wegesrand ausgebildet. Er betrachtete sie, ohne sich Gedanken um Belichtung und Blende machen zu müssen.
Eine Windboe wehte im eine graue Strähne ins Gesicht, die er sich in der Eile vor seinem Aufbruch nicht in den Pferdeschwanz gebunden hatte. Langes Haar war für ihn immer ein Privileg der Jugend gewesen, das er selbst jedoch nie gehabt hatte. Erst mit weit über 50 Jahren hatte er begonnen, sein Haar wachsen zu lassen, lange nachdem seine Brüder bereits keines mehr hatten. Er war der einzige in der Familie, der den Haarwuchs seines Vaters geerbt hatte. Seines wuchs nicht so wellig, doch immer noch kräftig.
Mit den Fingern strich er sein Haar nach hinten und ließ die Hand dann wieder über das Rad seines Rollstuhles schnellen. Er näherte sich dem Bahnübergang als die Warnlampe blinkte und das rhytmische Schlagen der Warnglocke über das kleine Tal schallte. Ohne Eile querte er die Geleise. Die sich nähernde Lok pfiff wütend. Dies würde nicht der letzte Lokführer bleiben, den er damit geärgert hatte, in dessen Sichtweite den Weg zu kreuzen.
Er kämpfte sich die Steigung des kleinen Hügels hinauf, nach der er sich gerne auch der restlichen Kleidung entledigt hätte, doch nach einigen Metern ebenen Weges konnte er sich fast 500 Meter rollen lassen.
Seine Gedanken jagten dem rollenden Gefährt weit voraus und verließen zunächst den Weg und schließlich die umgebende Welt.
Von Tatsachen hatten sie gestern abend gesprochen. Doch was wussten sie schon?
„Ich glaube nur, was ich sehe!“ hatte sein Freund gesagt, und er hatte ihn als leichtgläubig bezeichnet, was ihm einen überraschten Blick eingebracht hatte.
„Was wir ’sehen‘ ist lediglich eine Interpretation der elektrischen Impulse, die durch das ins Auge einfallende Licht erzeugt werden. Und dass dieses Licht zuvor von Gegenständen reflektiert wurde, ist wiederum lediglich eine Annahme.“ hatte er daraufhin doziert.
War seine Einsamkeit lediglich die leichtfertige Interpretation seiner Sichtweise.
Man müsse nur seine Perspektive ändern, hatte er schon manches mal gehört und ebenso oft geglaubt wie verworfen.
Man hatte nicht die Wahl, beliebig andere Positionen anzunehmen.
Ihm selbst fiel es schon schwer, etwas aus der Höhe von 180 cm zu betrachten, seit ihn das Auto vor einem halben Jahr angefahren hatte. In Momenten wie jetzt konnte er jedoch innerlich aus sich heraustreten, um sein Situation etwas neutraler zu beurteilen.
Die Menschen in seiner Senioren-WG waren ihm nicht wirklich nahe, selbst wenn sie mit ihm am Esstisch saßen. Er konnte eine Reihe von Menschen anrufen, die sich Zeit für ihn nahmen, ebenso, wie er sich Zeit für sie nahm. Das Handy mit der Festnetz-Flat hatte er sich schon vor Jahren zugelegt, lange bevor er an den Rollstuhl gefesselt war. Doch seine wahre Fessel, war seine Erziehung, nicht zur Last fallen zu dürfen.
Zweimal die Woche war er bei einer jungen Krankengymnastin, die regelmäßig mit ihm flirtete, wohl um ihn zu motivieren. Es amüsierte und rührte ihn auch, da er in ihr bestenfalls eine Tochter oder gar Enkelin sehen konnte, aber er mochte ihre fröhliche Art. Ihr Griff hingegen war fest und unbarmherzig, was er gerne akzeptierte. Der Rollstuhl sollte nicht länger als nötig sein Begleiter sein.
Doch von anderen Fesseln hatte er sich auch in den vielen Jahrzenten nach seiner Jugend nicht befreien können. Teils weil er sie nicht ’sah‘ und teils, weil sie ihn auch von mancher Verantwortung entbanden.
Heute Abend würde er bei Gabrielle anrufen, doch ob er ihre Frage nach seinem Befinden ehrlich beantworten würde, wusste er noch nicht.

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