Offenbarung


Er wollte ehrlich mit sich sein – schonungslos. Doch nicht zu lügen, war noch keine Ehrlichkeit.

Durch jahrelange Übung verstand er es, schmerzhafte Fragen zu übersehen oder Antworten zu geben, die keine waren. Solange Fragen und Antworten nur Druckveränderungen in der Umgebungsluft waren und keine sichtbaren, beweisbaren Veränderungen hervorriefen, konnte er sich glauben machen, die Fragen seien andere gewesen oder man er habe etwas anderes geantwortet.
Andere mussten das nicht glauben. Es genügte, wenn er es glaubte.

Erinnerungen waren nicht objektiv und zuverlässig. Sie lebten und veränderten sich. Und mit ihnen wandelten „Wahrheiten“ ihr Gesicht wie die Wolken bei einem Gewitter.

Er hatte sich darauf eingelassen, eine Inventur zu machen. Sich einige Fragen zu stellen – oder nur eine. Nicht abends vor dem Einschlafen, wo die Geister der Nacht die Gelegenheit hatten, die Erinnerung zu einem feinen Gespinnst zu zerzupfen, das sich unter den unruhigen Bewegungen seines Körpers im Schlaf in einen grauen, steifen Filz verdichtete, in dem das einzelne Filament keine Bedeutung, keine eigene Identität mehr hatte.

Zwei Tage würde er schreiben, was ihm in den Sinn kam. Keine innere Zensur – so hatte er sich vorgenommen – sollte den Fluss der Gedanken hemmen.
Begeistert war er von der Idee gewesen.
Klarheit sollte es ihm bringen.
Erkenntnis.
Doch nun brachte es ihm nur eine difuse Unruhe.

Es gab Menschen, die Angst vor der Fremde hatten. Er beneidete sie. Der Fremde konnte er ohne Anstregung fern bleiben. Doch wie schütze man sich vor seinem Inneren?
Was würde passieren, wenn er den Verschluss des Sicherheitsgefäßes entfernte?
Nur ein kurzer, eiskalter, klebriger Schwall wie bei einer geschüttelten Champagnerflasche?
Oder würde er damit eine Quelle schwarzen, zähen, stinkenden Schlamms entfesseln? Den nicht enden wollende Strom einer Masse, die ihm die Atemwege verschlösse, ihm das Licht und die Luft zu atmen nähme?

Advertisements

2 Antworten zu “Offenbarung

  1. aus eigener Erfahrung war es die Büchse der Pandora, aber… der Sage nach, hat die ja auch etwas Gutes!
    Und nun?? Ist die Dose endlich auf, was war drin? War’s schlimm? Oder geht es sich jetzt leichter, weil Dose mit Müll entleert??

  2. Müllcontainer trifft es recht gut, aber auch dort finden sich noch Schätze und im Licht des Tages verliert manches an Bedrohlichem und sinkt auf das Niveau des lediglich Ärgerlichen.
    Leer ist dieser Container aber noch nicht.
    🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s