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Unwetter

Auf dem Weg vom Bahnhof suche ich mit meiner freien Hand den Schlüssel in meiner Hosentasche. Den Kopf eingezogen, beuge ich mich gegen den Wind und beschleunige meine Schritte, weil die ersten dicken Tropfen auf meine Schultern schlagen. Bis ich die Haustür erreiche ist die Vorderseite meines Hemdes durchnässt. Am Briefkasten begegne ich unserem Hausmeister, der mich fragt, ob ich ein paar Kräuter vermisse. Da ich am Wochenende – wie annähernd jedesmal seit 18 Monaten – nicht zuhause war, kann ich die Frage nicht beantworten. Ich folge ihm also in den Garten hinter dem Haus. Dort steht mitten auf dem Rasen ein Pflanztrog, der mir auffallend bekannt ist.
Die Vorstellung, dass dieser am Samstag aus dem dritten Obergeschoss auf dem Rasen eingeschlagen ist erschreckt mich. Ein echtes Geschoss – ein Obergeschoss (ja, ich gebe zu, ein flauer Witz).
Einschläge dieser und anderer Art treffen in letzter Zeit des öfteren in die Beete meines Lebens. Immer wieder werden sorgsam gepflegte Rabatten vom Sturm zerzaust, fast reife Ernten vernichtet, frisch geputze Fenster vom Platzregen eingesaut (wer mich kennt, weiß, dass das nur im übertragenen Sinn gemeint sein kann).
Doch am Wochenende fahre ich in sichere Gefilde. Dort ist das schlechte Wetter – unabhängig von den meteorologischen Gegebenheiten – vergessen.

Die Meute

Ich hatte sie frei gelassen.

Mit überraschtem Blick hatten sie mich angesehen. „Ja, lauft!“ rief ich ihnen zu und unterstrich dies mit einer Geste. Kurzes Zögern, dann zerstreuten sie sich in alle Winde. Ungestüm wirbelten ihre Beine und hin und wieder wechselten sie abrupt die Richtung, wie um auszuprobieren, ob die Freiheit wirklich echt ist. Ausgelassen warfen sie sich in die Luft, schlüpften neugierig in Höhlen, zwängten sich durch dichtes Gestrüpp, wirbelten Laub auf und versuchten die Blätter zu fangen, ließen sich ins Wasser fallen und schüttelten sich heftig, wenn sie wieder heraus kamen. Sie warfen sich gegenseitig ins Gras und balgten ungestüm.

Ich erfreute mich an ihrer Lebenslust und ließ sie gewähren.

Doch plötzlich stürmten sie mit eingeklemmtem Schwanz zurück und versteckten sich zitternd hinter meinem Rücken. Eine dunkle Wolke senkte sich herab und keiner von ihnen mochte noch etwas von seiner Freiheit wissen oder diese nutzen. Über Wochen wagte keiner von ihnen, einen Fuß in diese bedrohliche Welt zu setzen. Jede Neugier wurde erdrückt von der Angst, die unangenehmen, fremden Seiten der Freiheit zu spüren.

Seit kurzem traut sich der eine oder andere vorsichtig ein Paar Schritte nach draußen zu tun, doch nicht ohne sich zwischendurch mit einem Blick, meiner Nähe zu vergewissern. Langsam lernen sie wieder Freiheit kennen – ob sie jedoch ihre unbeschwerte Freude daran wieder finden werden?

Glück

Mittags bei Nebel in Ulm wegfahren.
Das erste Blau durch die Wolken sehen.
Das Auto an einer Talstation abstellen.
Den Schnee unter den Schritten knirschen hören.
Sonnenstrahlen auf unberührter Schneefläche glitzern sehen.
Filigrane Schneehauben auf dunklen nackten Zweigen.
Kalte Luft dringt tief in die Lungen.
Licht durchdringt die Haut.
Bis zur Hüfte im Schnee versinken.
Ein Wolkensee zu Füßen der Alpen.
Schnee in den Schuhen und heiße Brühe in der Tasse.
Berge als Zeugen meines Glücks.

Der neue Zaun

Die Ausbeute von T’s Rundmail waren schließlich drei Helfer. Seine Schwester, mein Spross und ich. Nicht zu vergessen ein anhaltender Nieselregen und ein schwerer Boden.

Wir haben bis vier gewerkelt, dann haben sich doch noch ein paar Leute eingefunden, um uns beim Kaffee trinken zu helfen. A. kam mit Ihren zwei Kindern, H. mit seinen  zwei Krücken, J. mit einer Freundin, die nicht nur gerne eine, sondern auch seine Freundin wäre.

Nach dem Kaffee trinken hatte keiner Lust zu gehen, also ging es in die Küche. Spaghetti kochen, Tomaten, Karotten, Zwiebeln und Knoblauch schnippeln, Basilikum zupfen, Hackfleisch anbraten, Tisch decken, Rioja öffnen, plaudern, lachen …

Auch wenn sich selbst nach dem Abendessen noch keine rechte Lust entwickelte nachhause zu gehen, brachen wir gegen 22 Uhr auf, um die U-Bahn zu erreichen.