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Von der Freundschaft

Euer Freund ist die Antwort auf euro Nöte.
Er ist das Feld, das ihr mit Liebe besät und mit Dankbarkeit erntet.
Und er ist euer Tisch und euer Herd.
Denn ihr kommt zu ihm mit eurem Hunger, und ihr sucht euren Frieden bei ihm.
Wenn euer Freund frei heraus spricht, fürchtet ihr weder das „Nein“ in euren Gedanken, noch haltet ihr mit dem „Ja“ zurück.
Und wenn er schweigt, hört euer Herz nicht auf, dem seinen zu lauschen;
Denn in der Freundschaft werden alle Gedanken, alle Wünsche, alle Erwartungen ohne Worte geboren und geteilt, mit Freude, die keinen Beifall braucht.
Wenn ihr von eurem Freund weggeht, trauert ihr nicht; denn was ihr am meisten an ihm liebt, ist vielleicht in seiner Abwesenheit klarer, wie der Berg dem Bergsteiger von der Ebene aus klarer erscheint.
Nnd die Freundschaft soll keinen anderen Zweck haben, als den Geist zu vertiefen.
Denn Liebe, die etwas anderes sucht als die Offenbarung ihres eigenen Mysteriums, ist nicht Liebe, sondern ein ausgeworfenes Netz: und nur das Nutzlose wird gefangen.
Und lasst euer Bestes für euren Freund sein.
Wenn  er die Ebbe eurer Gezeiten kennen muss, lasst ihn auch euer Hochwasser kennen.
Denn was ist ein Freund, wenn ihr ihn nur aufsucht, um die Stunden totzuschlagen?
Sucht ihn auf, um die Stunden mit ihm zu erleben.
Denn er ist da, eure Bedürfnisse zu befriedigen, nicht aber eure Leere auszufüllen.
Und in der Süße der Freundschaft lasst Lachen sein und geteilte Freude.
Denn im Tau kleiner Dinge findet das Herz seinen Morgen und wird erfrischt.

aus “Der Prophet” (Khalil Gibran)

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Freundschaft mit mir selbst!

Menschen, die mir wichtig sind, sagen mir ich sei wertvoll.
Sie sind mir wichtig, weil sie authentisch und ehrlich sind.
Ich schätze ihre Meinung und nehme sie ernst.
Nur in einem Punkt fällt es mir schwer, ihre Aussagen anzunehmen.
Wenn Sie mir sagen, ich sei

  • etwas besonderes (ist ja jeder irgendwie)
  • wertvoll (na ja …)
  • gutaussehend (das ist relativ)
  • ein toller Mann (puh, jetzt wird es echt peinlich)
  • sensibel (stimmt, das spüre ich gerade, aber …)

fange ich an zu zweifeln.

Andererseits kenne ich es auch, dass Menschen sich abwerten, obwohl m. E. absolut kein Grund dazu besteht.
Alle Überzeugungsversuche meinerseits, sie seien zu streng mit sich, verpuffen annähernd wirkungslos.

An dieser Stelle beginne ich nachzudenken.

  • Kann ich nicht wenigstens denen, die mich in einem Punkt kritisieren, glauben, dass sie mir mit einem Kompliment an anderer Stelle keinen Honig ums Maul schmieren möchten?
  • Kann ich nicht wenigstens in Erwägung ziehen, dass auch andere sich ein realistisches – wenn auch subjektives – Bild von mir machen können?
  • Kann ich nicht wenigstens versuchen, mir mit ähnlich viel Offenheit und Wohlwollen zu begegnen, wie vielen anderen Menschen?

Ich versuche also wieder, mich mit mir anzufreunden.
Ich möchte, dass meine Freundschaft zu anderen, keine Abwertung meiner Selbst ist, sondern die Wertschätzung des anderen.
Ich bemühe mich, positive Rückmeldungen anzunehmen, dreimal tief durchzuatmen, ohne diese zu hinterfragen, dreimal tief durchzuatmen, während ich lerne das Gehörte ernst zu nehmen, dreimal tief durchzuatmen und die Komplimente zu genießen, so wie ich wünsche, dass mein Gegenüber meine ehrlichen Komplimente ernst nimmt und genießt.

Das wenigste, das ich daraus ziehen kann, ist frischer Sauerstoff fürs Gehirn 😀

So verkehrt bin ich eigentlich garnicht.
Klar, ein paar Macken aber doch echt nett.
Eigentlich ein helles Köpfchen.

Vielleicht gehe ich mal, mit mir einen trinken …

/* edit */

ach ja, und wenn SIE mich liebt, muss etwas dran sein.
Ich bin ein toller Mann (zumindest fühle ich mich schon so 😀 )

Freundschaft mit mir selbst?

Möchte ich mit so einem Typen wie mir befreundet sein?

Wenn ich nicht mit mir befreundet bin, gehöre ich dann überhaupt zu meinem eigenen Freundeskreis?

Dunkler Falter

Dunkler Falter

Wenn zwei Eheleute zum Sternenhimmel starrn,
oder ein Bruder hält seiner lieben Schwester das Garn,
oder ein Freund schenkt bedachtsam dem Freunde ein –

schwebt ein Dunkler Falter über den Zwein:

einer von uns muss hinter dem Sarge gehn,
dran im Straßenwinde die Schleifen wehn,
einer von uns muss streun mit kalter Hand
Erde hernieder vom bretternen Grabesrand,
einer von uns muss gehn nach Haus allein –

lieber Gott, lass mich der andere sein!

(Börries von Münchhausen)

Kathrin

Sie war nicht bei meiner Hochzeit. Aber ich habe auch nicht damit gerechnet.
In dem Alter hat man noch andere Interessen, als sich am Samstag vormittag vor eine Kirchentür zu stellen und mit Reis zu werfen.

Ihre Eltern waren seit vielen Jahren mit meinen befreundet, obwohl sie etwa 20 Jahre jünger waren. Ihr Vater arbeitete hin und wieder für meinen Vater und ihre Mutter war so etwas wie ein Kindermädchen für uns drei Jungs gewesen, wenn meine Mutter im Betrieb meines Vaters assistierte.
Kathrin und ich liegen 12? Jahre auseinander und ich kann mich nicht mehr sehr gut daran erinnern, wie es war, wenn ihre Familie mal wieder einen Tag bei uns verbrachte. Ich weiß nur noch, dass ich alle gerne gesehen habe.

15 Jahre nach meiner Hochzeit traf ich Kathrin zufällig wieder als wir beide ehrenamtliche Betreuer bei einer Behindertenfreizeit im Schwarzwald waren. Ich habe mich sehr gefreut sie wieder zu sehen und wir haben unseren Feierabend, wenn abends gegen 22:00 Uhr alle Behinderten im Bett waren, mit vielen schönen Gesprächen verbracht. Sie erzählte mir u.a. von Ihrer Beziehung mit einem Indianer und davon, gerne nach Amerika auszuwandern.

Nach der Freizeit haben wir uns regelmäßig Briefe oder Mails geschrieben und ich habe sie an ihrem Geburtstag bei ihrer Mutter besucht. Ihr Freund war auch da. Es war eine fröhliche Feier, wie immer in dieser Familie auch wenn ihr Freund sehr verschlossen wirkte.

Danach schrieb sie mir einen Brief, dass ihr Freund nicht wolle, dass wir uns weiter träfen, schrieben oder telefonierten. Auf meine Antwortmail hat sie nie reagiert.
Ihre Mutter erzählte mir in einem Gespräch bei einem der Besuche, die ich bei ihr machte, warum Kathrin nicht bei meiner Hochzeit war. Ihre Schwestern hatten einfach keine Lust (wie erwartet) aber sie hat geweint, weil ich „eine andere“ geheiratet habe. Mein Gott, ich war 27 und sie keine 15. Ich hatte keine Ahnung, dass sie in mich verliebt war. Ich war ja schon über 10 Jahre zuvor von zuhause weg gezogen. Gut, es hätte auch nichts geändert.

Als ich zum Polterabend Ihrer Schwester eingeladen war, schnitt sie mich den ganzen Abend. Einige Tage danach fand ich einen Brief in meinem Briefkasten, in dem sie sich für ihr „unmögliches und unverzeihliches Verhalten“ entschuldigte. Das war das letzte an mich gerichtete Wort von ihr. Wenige Tage später war sie mit ihrem Indianer in Österreich und wenige Wochen danach in Amerika. Nur von Ihrer Mutter hörte ich, dass sie mit ihm und seiner Familie in einem Zelt eines Indianerreservats lebte. Wenige Monate später flüchtete sie von dort wieder zu ihrer Mutter.

Inzwischen lebt sie, glaube ich, mit ihrem dritten Mann wieder in Amerika. (Den ersten Mann, den sie heiratete, wollte sie mit der Hochzeit vor der Abschiebung ins Kosovo bewahren, der zweite war der Indianer)

Mit ihrer Mutter spreche ich regelmäßig, aber Kathrin haben wir dabei als Thema immer ausgeklammert – bewusst oder unbewusst.
Es war mir einfach nicht mehr wichtig – dachte ich.

Am Freitag hatte meine Mutter Geburtstag und ging, wie so viele Male an diesem Tag, wieder ans Telefon. Ich las ein Buch und schnappte nur hin und wieder ein Wort auf.

„… nett, dass Du von so weit weg extra anrufst …“

„… Deine Mutter wird dieses Jahre ja auch sechzig …“

In meinem Hinterkopf sagte etwas „M. (Kathrins Mutter) wird dieses Jahr sechzig.“ und „von-so-weit-weg könnte Amerika bedeuten.“ und „Das wird doch nicht etwa Kathrin sein?“

Zum Abschluss sagte meine Mutter: „C. sitzt neben mir. Von ihm sage ich Dir auch liebe Grüße!“ und legte auf.

„Wer war das?“

„Stell Dir vor, Kathrin hat extra aus Amerika angerufen.“

„So? Schön.“

Meine Mutter bemerkte mein reserviertes Verhalten, sagte aber nichts. Ich war verärgert, dass sie ohne mich zu fragen einen Gruß ausrichtet (woher hätte sie es wissen sollen?). Der plötzliche Zorn in mir erschreckte mich. Hinter welchem Baum kam er hervor? Wo hatte er sich all die Jahre, in denen ich nicht an Kathrin dachte, so unbemerkt versteckt. Was hat mich so verletzt, dass es genügt ihren Namen zu hören, um wieder diese Wut aufsteigen zu spüren?