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Die Meute

Ich hatte sie frei gelassen.

Mit überraschtem Blick hatten sie mich angesehen. „Ja, lauft!“ rief ich ihnen zu und unterstrich dies mit einer Geste. Kurzes Zögern, dann zerstreuten sie sich in alle Winde. Ungestüm wirbelten ihre Beine und hin und wieder wechselten sie abrupt die Richtung, wie um auszuprobieren, ob die Freiheit wirklich echt ist. Ausgelassen warfen sie sich in die Luft, schlüpften neugierig in Höhlen, zwängten sich durch dichtes Gestrüpp, wirbelten Laub auf und versuchten die Blätter zu fangen, ließen sich ins Wasser fallen und schüttelten sich heftig, wenn sie wieder heraus kamen. Sie warfen sich gegenseitig ins Gras und balgten ungestüm.

Ich erfreute mich an ihrer Lebenslust und ließ sie gewähren.

Doch plötzlich stürmten sie mit eingeklemmtem Schwanz zurück und versteckten sich zitternd hinter meinem Rücken. Eine dunkle Wolke senkte sich herab und keiner von ihnen mochte noch etwas von seiner Freiheit wissen oder diese nutzen. Über Wochen wagte keiner von ihnen, einen Fuß in diese bedrohliche Welt zu setzen. Jede Neugier wurde erdrückt von der Angst, die unangenehmen, fremden Seiten der Freiheit zu spüren.

Seit kurzem traut sich der eine oder andere vorsichtig ein Paar Schritte nach draußen zu tun, doch nicht ohne sich zwischendurch mit einem Blick, meiner Nähe zu vergewissern. Langsam lernen sie wieder Freiheit kennen – ob sie jedoch ihre unbeschwerte Freude daran wieder finden werden?

Sie

Im Dunkel der Nacht schleichen sie sich heran.

Sie mischen sich unter meine Gedanken und verwirren sie mit Zerrbildern der Realität. Sie tauchen ein in meine Träume, entführen Erinnerungen und bauen damit düstere Geschichten, die sie drohend und mit stampfenden Schritten gegen mein müdes Bewusstsein marschieren lassen. Sie lassen meine Ängste schwere Schatten auf mich werfen, während sie versuchen, mich mit meiner Müdigkeit an den Schlaf zu fesseln.

Ich möchte morgens nicht schon kämpfen, aber ich lasse mir nicht alles bieten. Nach einem tiefen Atemzug schüttle ich sie heftig ab, zerschmettere sie mit lauter Musik und wasche ihr klebriges Blut mit heißem Wasser von mir.

Ich gebe zu, ich lese nicht mehr …

Bücher wurden von mir schon immer mehr verschlungen, als gelesen.
Ganze Nächte habe ich damit verbracht.

In meiner Kindheit lag ich dazu mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, immer darauf bedacht, die Schritte meiner Eltern nicht zu überhören, die auf Ihren Kontrollgängen prüften, ob das Licht in unseren Zimmern gelöscht ist.
Später habe ich zum Lesen das Licht brennen lassen.
Kein Buch wurde endgültig weggelegt, bevor es nicht gelesen war.

Heute Morgen habe ich aus den drei begonnenen Büchern auf dem Stuhl neben meinem Bett die Lesezeichen entfernt – meist Fahrkarten öffentlicher Verkehrsmittel – und sie wieder ins Regal gestellt.

Keine fremden Geschichten.
Keine fremden Träume.
Keine fremden Illusionen.

Ich lese nicht mehr …

Aufbruch

Fahles Licht wabert von Osten über die weite, reifbedeckte Eisfläche. Das Glitzern des Reifs lässt den nahenden Tag schon erahnen. Mit einem einzelnen leisen Knacken, springt ein feiner, schüchterner Riss in das noch unberührte Eis, dann ist wieder Stille.

Unter kaum vernehmbarem Ächzen, weitet sich der Spalt und seine filigranen Enden schneiden sich scheinbar mühelos weiter. Träume quellen zögerlich durch die enge Öffnung und bilden einen dünnen Film. Sie schmelzen die Reifkristalle und legen das darunterliegende Eis frei, durch das die Dunkelheit schimmert.

In Licht und Luft, ohne den Abschluss vor der Realität, wandeln sich die Träume langsam zu Gedanken. Hier flattern und taumeln sie vor Freude ob ihrer neuen Freiheit und ich werde sie bald nicht mehr erkennen. Doch ihre leeren Puppen liegen noch als Zeugen ihrer wahren Herkunft auf der harten, kalten Ebene, die ihren Aggregatzustand nur noch kurze Zeit gegen die Wärme des Tages verteidigen können wird.