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Die Meute

Ich hatte sie frei gelassen.

Mit überraschtem Blick hatten sie mich angesehen. „Ja, lauft!“ rief ich ihnen zu und unterstrich dies mit einer Geste. Kurzes Zögern, dann zerstreuten sie sich in alle Winde. Ungestüm wirbelten ihre Beine und hin und wieder wechselten sie abrupt die Richtung, wie um auszuprobieren, ob die Freiheit wirklich echt ist. Ausgelassen warfen sie sich in die Luft, schlüpften neugierig in Höhlen, zwängten sich durch dichtes Gestrüpp, wirbelten Laub auf und versuchten die Blätter zu fangen, ließen sich ins Wasser fallen und schüttelten sich heftig, wenn sie wieder heraus kamen. Sie warfen sich gegenseitig ins Gras und balgten ungestüm.

Ich erfreute mich an ihrer Lebenslust und ließ sie gewähren.

Doch plötzlich stürmten sie mit eingeklemmtem Schwanz zurück und versteckten sich zitternd hinter meinem Rücken. Eine dunkle Wolke senkte sich herab und keiner von ihnen mochte noch etwas von seiner Freiheit wissen oder diese nutzen. Über Wochen wagte keiner von ihnen, einen Fuß in diese bedrohliche Welt zu setzen. Jede Neugier wurde erdrückt von der Angst, die unangenehmen, fremden Seiten der Freiheit zu spüren.

Seit kurzem traut sich der eine oder andere vorsichtig ein Paar Schritte nach draußen zu tun, doch nicht ohne sich zwischendurch mit einem Blick, meiner Nähe zu vergewissern. Langsam lernen sie wieder Freiheit kennen – ob sie jedoch ihre unbeschwerte Freude daran wieder finden werden?

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Liebliche Schmerzen

heiße DuscheIrgendwann morgens:
Das heiße Wasser der Dusche prasselt auf meinen Kopf und scheint wie flüssiges Blei meine Haut vom Körper zu ziehen. Ich halte die Luft an um nicht vor Schmerz oder Lust? zu schreien.

PapayasalatIrgendwann beim Essen:
Schon kurz nach dem ersten Bissen des schmackhaften Papayasalates merke ich, wie in mir die Hitze aufsteigt. Schweiß tritt mir auf die Stirn und Tränen in Augen.
Mein Atem ist leicht entzündlich und ich genieße vorsichtig atmend die nächste Gabel dieses Geschmacksfeuerwerks.

FrostIrgendwann im Winter:
Die Kälte beißt in meine unbedeckte Haut als ich das Zelt verlasse. Mein Fuß durchbricht die gefrorene Decke einer Pfütze und helles Klirren durchdringt die eisige Luft. Mein Atem scheint schon wenige Zentimeter vor meinem Gesicht knisternd in den festen Aggregatzustand über zu gehen. Ein Schauer durchläuft meinen Körper als sich die Haare an ihre prähistorische Aufgabe erinnern, mich vor Kälte zu schützen. Kurz darauf scheint dies auch den Muskeln klar zu werden und sie schütteln mich. Ich gebe mich hin.

BankNicht Irgendwann – JETZT:
Ein Klammer liegt um meine Brust, ein Ziehen durchlauft meinen Bauch, meine Gedanken verwirren sich, Tränen schleichen sich in meine Augen und ich sehe mich plötzlich im Garten ihres Hauses. Sie mit einem Buch in der Hand auf einem Stuhl, ich liege auf der verwitterten Holzbank, den alten Hund zu meinen Füßen. Die Stimmen der Kinder dringen aus den Fenstern. Sehnsucht.

Von der Freude und vom Leid

Eure Freude ist euer Leid ohne Maske.

Und derselbe Brunnen, aus dem euer Lachen aufsteigt, war oft von euren Tränen erfüllt.

Und wie könnte es anders sein?

Je tiefer sich das Leid in euer Sein eingräbt, desto mehr Freude könnt ihr fassen.
Ist nicht der Becher, der euren Wein enthält, dasselbe Gefäß, das im Ofen des Töpfers gebrannt wurde?
Und ist nicht die Laute, die euren Geist besänftigt, dasselbe Holz, das mit Messern ausgehöhlt wurde?

Wenn ihr fröhlich seid, schaut tief in eure Herzen, und ihr werdet finden, dass nur das, was euch Leid bereitet hat, euch auch Freude gibt.

aus „Der Prophet“ (Khalil Gibran)