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Resonanz

Als Kind hatte ich eine Spieluhr. Sie befand sich in einem Narrenkopf, der drehbar an einem Stab befestigt war. Wenn man den Stab schwenkte, begann der Narrenkopf zu rotieren und ein Lied erklang.
Ich hatte ihn als Geschenk erhalten, als ich nach meiner Augenoperation mit 4 Jahren aus der Klinik entlassen wurde.
Lange Zeit war es interssant genug, den Kopf im Kreis zu schleudern, um die Spieluhr zum Klingen zu bringen. Später brach sich mein Forschergeist bahn und ich sezierte den Kopf.
Wie groß war die Enttäuschung, dass ich nun die Spieluhr mit ihrer Metallwalze und den Metallzungen in Händen hielt, aber die Melodie plötzlich so leise und dünn klang. Ich verstand wohl, dass diese kleinen, unscheinbaren, schwingenden Stahlstreifen keinen lauten Ton erzeugen konnten, aber wieso hatten sie es vorher getan?

Das lies mich nicht los, bis ich irgendwann feststellte, dass die Melodie lauter wurde, wenn ich die Spieluhr an einen Gegenstand presste. An eine Tür, an eine große Fensterscheibe, an eine Truhe …
Je nach Art des Gegenstands änderte sich der Klang der Spieluhr, aber er war immer lauter, als ohne einen Körper der mitschwingen konnte.
Ich freute mich sehr, als mir ein Lehrer Jahre später einen Namen für meine Entdeckung nannte – Resonanz.

Heute habe ich eine Geschichte in einem Blog gelesen, die mich wortlos zurück lies.
Leise Worte. Kein Paukenschlag. Keine Posaunen.
Trotzdem hat mein Körper begonnen zu schwingen. Eine Melodie aus Trauer, Freude, Wehmut und Glück ertönte, die meine Ohren nicht hörten, obwohl der Klang ganze Hallen zu füllen schien und mich vibrieren lies.
Eine Melodie, die durch mich hindurch wandert und Gefühle und Erinnerungen weckt, die lange unbewegt in irgendwelchen versteckten Winkeln ruhten.

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Ich gebe zu, ich bin noch nicht immun …

… und Worte treffen am meisten, wenn man es nicht mehr für möglich hält.