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Der Schrei

Er versucht zu laufen, aber seine Beine bewegen sich als bestünde die Luft um ihn aus Honig. Die Muskeln brennen und je mehr er sich anstrengt, desto langsamer wird er. Mit einer Mischung aus Verwunderung und Gleichgültigkeit stellt er fest, dass er nackt ist. Ob er vor etwas flüchtet oder einem Ziel zustrebt, weiß er nicht.

Die Luft schiebt sich wie Sand durch seine Luftröhre und die scharfen Kanten der Kristalle zerschneiden die Lunge. Sogar das Licht scheint langsamer zu werden und sich in Schlieren aufzulösen. Der Boden wird weich und mit jedem Schritt sinkt er tiefer ein.

Ein Schrei löst sich stumm aus seiner Kehle und flattert hilflos zu Boden …

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Erwachen

Mein Bewusstsein verändert sich.
Der schöne Traum verliert nach und nach seine feste Konsistenz und perlt langsam von meinen Gedanken, doch seine Energie ist schon in mich eingedrungen und er hinterlässt seine Keime in mir, die ich hegen und pflegen werde.
Ich besprühe sie regelmäßig mit temperiertem Wasser, sorge für ausreichend Sonne und Schatten, spreche mit Ihnen und freue mich am Wachsen ihrer Wurzeln.

Mein Vertrauen in diese zarten Triebe wächst.
Mir ist bewusst, dass ich diese Pflanze nicht immer in meiner kleinen Wohnung halten kann, denn ich wünsche mir, dass sie ein starker Baum wird. Ich werde mich verpflanzen müssen, um an der Seite dieses Baumes leben zu können.

In fünf Tagen bekommt meine Pflanze wieder Dünger. Dann werde ich wieder träumen. Träumen bis der Traum Realität wird.

Harte Realität

Ganz bestimmt!
Ich weiß es sicher, denn ich habe es genau gesehen.
Mit eigenen Augen!
Es hat nichts zu bedeuten, dass das Bild jetzt in bunte Scherben zerfällt, in Staub, den der Wind wegträgt.
Ich hatte es in der Hand.
Ich habe es gefühlt!
Es floss mir durch die Finger.
Noch bevor es auf den Boden tropfen konnte, hatte es sich verflüchtigt, aber das macht es nicht weniger real.
Ich kann mich genau erinnern!
Auch wenn es sich jetzt wie ein Traum anfühlt.
Ein alter Traum.
Verschwommene Bruchstücke eines alten Traumes.
Ich bin mir sicher! Du glaubst mir, oder?
Also, ich bin mir eigentlich ziemlich sicher.
Ehrlich!
Ich war überzeugt, es gesehen zu haben.
Ich hatte etwas in der Hand.
Bestimmt.
Sonst hätte ich mich doch nicht an etwas erinnern können, oder?
Irgendetwas war da – glaube ich.
Vielleicht war das auch an einem anderen Ort oder zu einer anderen Zeit, aber da war etwas.
Ich bin überzeugt, da war etwas!
Ich bin sicher, ich war einmal.
Irgendjemand muss einmal sicher gewesen sein.
Ganz bestimmt!

Traum

Ich bin etwa 5 Jahre alt und sitze im ablaufenden, lauwarmen Wasser der alten Emaillebadewanne in der schon längst still gelegten Sattlerwerkstatt meines Großvaters. Ich friere, stehe jedoch nicht auf.

Als ich mich umsehen möchte, stoße ich die Flasche mit dem Schaumbad vom Rand der Wanne und der Inhalt ergießt sich in das wenige noch vorhandene Wasser.
Die Franziskanerin Schwester Sigismunda, meine alte, strenge Kindergartenschwester, die wohl die ganze Zeit in ihrem schwarzen Habit hinter mir gestanden haben muss, beginnt laut zu schimpfen.

Ängstlich und zitternd steige ich aus der Wanne und laufe zum schmutzigen Fenster der Werkstatt.
Eine Scheibe des Gitterfensters ist zerbrochen und ich stecke meinen Kopf hindurch, um nach draußen zu sehen. Dort sitzen auf einer Bank meine Großeltern, Eltern und Brüder. Neben der Bank sitzt unser Schäferhund. Als sie mich sehen, lachen sie mich aus, auch der Hund lacht.

In meiner Scham und Angst möchte ich flüchten, kann meinen Kopf aber nicht mehr aus der zerbrochenen Scheibe ziehen. Die Scherben schneiden mir schmerzhaft in den Hals …