Unwetter

Auf dem Weg vom Bahnhof suche ich mit meiner freien Hand den Schlüssel in meiner Hosentasche. Den Kopf eingezogen, beuge ich mich gegen den Wind und beschleunige meine Schritte, weil die ersten dicken Tropfen auf meine Schultern schlagen. Bis ich die Haustür erreiche ist die Vorderseite meines Hemdes durchnässt. Am Briefkasten begegne ich unserem Hausmeister, der mich fragt, ob ich ein paar Kräuter vermisse. Da ich am Wochenende – wie annähernd jedesmal seit 18 Monaten – nicht zuhause war, kann ich die Frage nicht beantworten. Ich folge ihm also in den Garten hinter dem Haus. Dort steht mitten auf dem Rasen ein Pflanztrog, der mir auffallend bekannt ist.
Die Vorstellung, dass dieser am Samstag aus dem dritten Obergeschoss auf dem Rasen eingeschlagen ist erschreckt mich. Ein echtes Geschoss – ein Obergeschoss (ja, ich gebe zu, ein flauer Witz).
Einschläge dieser und anderer Art treffen in letzter Zeit des öfteren in die Beete meines Lebens. Immer wieder werden sorgsam gepflegte Rabatten vom Sturm zerzaust, fast reife Ernten vernichtet, frisch geputze Fenster vom Platzregen eingesaut (wer mich kennt, weiß, dass das nur im übertragenen Sinn gemeint sein kann).
Doch am Wochenende fahre ich in sichere Gefilde. Dort ist das schlechte Wetter – unabhängig von den meteorologischen Gegebenheiten – vergessen.

Sprichworte sind …

… überlieferte Weisheit!

… oder traditioneller Schwachsinn.

Online

Der stechende Schmerz raubte ihm für einen Augenblick den Atem.
Dies war zwar nur eine Redewendung, denn er atmete seit undenklicher Zeit nicht mehr, aber es beschrieb das Gefühl recht gut, das er früher in einer solchen Situation gehabt hätte. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf dieses eine Schmerz-Ereignis gerichtet.
Da ihn dieses heiße Reißen, dass durch seinen Körper schoss aus einem tiefen Schlaf gerissen hatte, benötigte er einen langen Augenblick, um sich zu orientieren. Ein trockenes Lachen entwand sich seiner kratzigen Kehle, denn er hatte seit Jahren nichts mehr anderes gesehen, als die weißen Fließen seiner Zelle, in der sein Liquomodul stand, wo also sollte er schon sein.
Das stimmte nicht ganz, denn natürlich war die meiste Zeit seiner Wachstunden sein Visor aktiv, der ihn mit dem Netz verband. Als einer der ersten, die vor Jahrzehnten an das damals revolutionäre neuronale System angeschlossen wurde, war es ihm noch möglich, selbst zu entscheiden, wann er „online“ war. Doch was durch den Visor in seine Augen projeziert wurde, nannte er nicht „sehen“, weil es für ihn nicht real war. Auch wenn seine „Realität“ nur noch aus dem Teil seiner kahlen Zelle bestand, den er ohne Drehen seines Kopfes sehen konnte, weigerte er sich hartnäckig, dauerhaft in die Scheinrealität des Netzes einzutauchen. Er vermutete schon lange, dass dies wohl der Grund dafür war, dass man seinen Implantaten und deren Software kein Update angedeihen ließ.
Es war ihm nicht mehr möglich, sein Modul zu verlassen, denn seine Muskeln hätten seinen Korper nicht getragen, obwohl er sicher nur noch einen Bruchteil seiner ursprünglichen Masse besaß. Zudem war er sich nicht einmal sicher, ob er noch selbständig atmen könnte, geschweige denn essen.
Die ersten Monate im Liquomodul hatten ihn an den Rand einer Depression gebracht, schon allein deshalb, weil er nicht mehr essen durfte. Er und seine „Kollegen“, von denen er niemanden kannte, wurden künstlich ernährt und inzwischen wurde ihm übel, wenn er nur daran dachte, „Lebensmittel“ zu sich nehmen zu müssen.
Er schüttelte den Kopf, um seine Gedanken wieder zu sammeln und die umgebende Flüssigkeit gluckerte leise.
Die routinierte Kontrolle seiner Vitalfunktionen ließ ihn die Unregelmäßigkeit schnell finden.
Die Dosierung des Medikamentencocktails, der ihm intravenös zugeführt wurde war beunruhigend hoch. Dies lag vermutlich wieder an einer diesen altmodischen Elektroden, die sich in unregelmäßigen Abständen mit Eiter oder anderen unappetitlichen Dingen belegten und dann falsche Werte lieferten.
Ein Zusatzsystem, das nachinstalliert worden war, um an den Symptomen der Fehlfunktion eines anderen Systems „herum zu doktern“, lieferte schon seit Stunden ein Alarmsignal an die „Zentrale“, an deren Existenz er jedoch nicht mehr glaubte, da er von dort schon lange keine Reaktion mehr erhalten hatte.
Wie schon so oft behalf er sich damit, die Elektrode neu zu „kalibrieren“. Nicht dass sie nun wieder richtige Werte geliefert hätte, aber sie regelte die Medikamentenkonzentration wieder auf einen Wert, der ihm „normal“ erschien. Falls sie wieder beginnen sollte – nein, sobald sie wieder begann falsche Werte zu liefern, würde er sie deaktivieren und den Zufluss auf einen konstanten Wert einstellen.
So war er auch vor wenigen Wochen verfahren, als eine andere Messsonde ihren Geist aufgegeben hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht die geringste Ahnung gehabt, wozu diese Sonde diente, inzwischen hatte sich jedoch der Verdacht erhärtet, dass sie die Schlaf-Wach-Phasen geregelt hatte. Zunächst konnte er nämlich nicht mehr einschlafen, was ihn schier verrückt machte. Ein Hochdrehen der Dosierung, der von ihr gesteuerten Flüssigkeit beschehrte ihm einen mehrtägigen Schlaf, was er allerdings nur am Datum seines Visordisplays festgestellt hatte.
Mit dem Nachlassen des Schmerzes meldete sich erneut eine wohlige Müdigkeit, die ihm versprach wieder für eine Weile aus seinem Gefängnis fliehen zu können. Fast wäre er schon eingeschlafen, als ein Gedanke durch sein „Restbewusstsein“ schoss. Welches war der Regler gewesen, den er beim letzten Mal hoch gedreht hatte?
Als er ihn fand, stellte er ihn auf „Max“ und ließ sich in den Schlaf fallen.

Der Neue hat Zeit …

Den ersten Tag hatte ich 8 Stunden Power-Schulung, weil ein Update der Unternehmenssoftware ansteht und ich die Key-User bei den Tests unterstützen soll. Aber bis dahin habe ich ja erst mal „nichts zu tun“ und bekomme die Aufgaben, die in letzter Zeit jeder andere vor sicher hergeschoben hat.
Aber ich würde es wohl genauso machen.
Jeder in dieser EDV-Abteilung muss die Termine einhalten, die andere gesetzt haben.
Also werde ich es machen wie alle. Ich tue was ich kann und zucke mit den Schultern, wenn irgendetwas liegen bleibt.
Irgendwann kommt ein Neuer und der hat dann erst mal Zeit …

Lebensmittelpunkt

Wo wohnst Du?

Tja, äh, also nun …

Wie beantworte ich diese Frage ohne zu lügen und ohne mich zu verhaspeln?

Ich habe eine Wohnung in der Nähe Stuttgarts, die ich vor wenigen Tagen zu Ende 2009 gekündigt habe. Mein Vermieter bietet sie nun zum 01.01.2010 bei verschiedenen Wochenblättern und Arbeitgebern an. Falls ich einen Nachmieter liefere, muss ich nicht bis Dezember bezahlen, aber wenn er vor mir einem Mieter zusagt bezahle ich bis zum Schluss.

Am 08.10.2009 beginne ich bei meinem neuen Arbeitgeber in der Nähe Ulms. Sehr kurzfristig. In der ersten Nacht schlafe ich in einer Pension (wenn ich in den nächsten zwei Stunden eine Zusage für das Zimmer bekomme). Von Donnerstag auf Freitag kann ich bei einer Freundin unterkommen, von deren Wohnort ich nur 40 Minuten mit dem Zug unterwegs bin. Die 3 km zum Bahnhof komme ich mit ihrem Fahrrad. Wäsche muss ich aber schon mal für 2 Wochen mitnehmen, denn am Freitag fahre ich zu meiner Freundin in der Nähe Bruchsals. Sonntag Abend gehts dann wieder Richtung Ulm.

Einen Nachmieter kann ich erst suchen, wenn ich dort eine Wohnung habe. Ohne Auto sollte sie aber nicht zu weit vom Arbeitsplatz entfernt und mit öffentlichem Nahverkehr gut angebunden sein.
Im Internet hatte ich eine tolle Wohnung gefunden, einen Tag vor der Besichtigung rief mich der Vermieter jedoch an, er habe sie einem Gehörlosen versprochen.
Eine andere gefiele mir auch, doch diese ist erst ab Januar frei.
Für eine andere fallen 2,38 Kaltmieten an Provision an, da ich jedoch schon Unterhalt für meinen Sohn bezahle, möchte ich nicht auch noch einem übergewichtigen Immobilienmakler die Steuer für seinen fetten, hässlichen Geländewagen finanzieren.

In dem Ort selbst hätte ich den geringsten finaziellen und zeitlichen Aufwand mit der Fahrerei, allerdings sind dor die Wohnungen teurer. Zudem liegt der Ort in einem Tal, so dass ab Nachmittag sehr früh keine Sonne mehr zu sehen ist.
Am Feierabend auf dem Balkon sonnen? Pustekuchen!

Wann räume ich meine „alte“ Wohnung in Kisten?
Wie komme ich die nächsten Wochen und Monate ins Internet?
Wo ist meine Bank?
Wo steht meine Waschmaschine?

Wo wohnst Du?

Ich habe keinen Schimmer …

Der Mühlhiasl

Sechs Tage vor dem Anfang in einer neuen Firma befinde ich mich im letzten Drittel meines ersten Urlaubs mit meiner Traumfrau.

Sie steht mir bei, wenn mich der Bayerwald zu verschlingen droht.
Nein, ich möchte nicht jammern, denn es ist wirklich schön und sehr erholsam hier. In der Bar ist man auch ungestört, wenn sich außer uns noch zehn andere an den Tischen unterhalten, denn das unverständliche Genuschel kann nicht von der eigenen Unterhaltung ablenken.

Wohlgemerkt, ich bin kein Fischkopf! Ich habe seit 1983 über 25 Jahre in unterschiedlichen Gegenden Bayerns gelebt und hätte bis gestern abend behauptet, ich verstünde alle Bayern. Jetzt muss ich zugeben, es gibt mindesten drei Männer, bei denen ich außer „ja freilich“ (eingedeutscht) kein Wort verstehe.

Auch bei der Besichtigung der berühmten „Gläsernen Scheune“ stand SIE mir zur Seite.
Schon der Nachsatz im Prospekt hätte mich misstrauisch machen müssen.

„Bekannt aus Funk und Fernsehen!“

Bei der Werbung mit dem Zigarettencowboy, der lila Kuh oder dem Toilettenpapierbär hat dieser Hinweis jeweils gefehlt. Wozu sollte er auch gut sein? Wenn mir etwas aus Funk und Fernsehen bekannt ist, muss mir niemand sagen, dass es mir aus Funk und Fernsehen bekannt ist, denn schließlich ist es mir ja aus Funk und Fernsehen bekannt.

Die „Gläserne Scheune“ kannte ich nicht.
Doch ich werde sie nicht vergessen!

Ein bayerwälder „Künstler“ sah sich bemüßigt, lokale Mythen um den „Mühlhiasl“ (In deutsch: Mühlen-Matthias) mit Bleistift und anderen Werkzeugen auf die Scheiben einer Scheune zu malen.

Erklärt wurden diese Werke von einer Frauenstimme aus einem Tonband.
Der Tonfall erinnerte mich an die Erzählerinnen aus den Märchengärten meiner Jugend. Dort ging man auf Trampelpfaden von einem kleinen Häuschen zum nächsten, drückte dort auf einen Knopf und schon begannen die Figuren dort quietschend und ratternd mit Armen und Köpfen zu wackeln, dass man sie am liebsten sofort von ihrem harten Los erlöst hätte.

Das schlimmste war jedoch immer die Stimme der Erzählerin, die mit einem sprach, als sei man ein kleines Kind, dabei war ich doch schon zehn!

Nun weiß ich wohin es diese Frau verschlagen hat.
Und sie hat die 30 Jahre genutzt, um Bayrisch zu lernen.

In Lohn und Brot

„… würden wir uns freuen, Sie in unserem Hause zu einem Vorstellungsgespräch begrüßen zu dürfen.“

Na also! Das hatte ich schon lange nicht mehr gehört!

Nicht, dass ich Komplexe bezüglich meiner Fähigkeiten hätte, aber so ein paar Monate Arbeitslosigkeit zehren an den Nerven.

Der Leiter des EDV-Abteilung und eine Mitarbeiterin vom „Personal“ sitzen mir gegenüber.
Es kommen die „üblichen“ Fragen.

  • Was sind ihre Stärken und ihre Schwächen?
  • Wie gehen Sie mit Druck um?
  • Wie gehen Sie an ein Projekt ran?

„Sie hören in den nächsten beiden Wochen von uns …“

Das Gespräch verlief gut und ich mache mir Hoffnungen.

Am nächsten Tag kommt eine Email: „… haben unser Interesse geweckt … würde in einem weiteren Gespräch gerne noch einige Frahen klären …“

Heute also das zweite Gespräch.
Nochmal ein gegenseitiges Abklopfen, wobei mir heute vier Personen gegenüber sitzen.

Geschäftsführer, Personalverantwortliche, Abteilungsleiter und langjähriger Mitarbeiter.

Angenehmes Gespräch, einige formelle Fragen, Gehalt geklärt.

Mit der Email mit Wohnungsangeboten aus der Region noch mal der Dank für das „angenehme Gespräch“ das als „sehr positiv“ empfunden wurde.

Arbeiten ist schön …